Agenda30 – Biodiversität

Biodiversität – was heißt das eigentlich und wozu brauchen wir das?

Zeigt einen Baum mit der Beschriftung "Leben an Land"

Biodiversität meint Vielfalt in drei Bereichen: Vielfalt der Lebensräume, Vielfalt der Arten und Vielfalt der genetischen Ressourcen. Geeignete Lebensräume sind eine absolut notwendige Voraussetzung für die Erhaltung der Arten – kurz gesagt ohne Teich kein Frosch. Daneben ist es aber auch wichtig, möglichst viele und vernetzte Lebensräume zu schaffen, damit besagter Frosch seine Gene mit denen anderer Populationen vermischen kann. Hierdurch steigt insgesamt die Anpassungsfähigkeit der Art und damit die Wahrscheinlichkeit, dass einige Individuen besser auf veränderte Lebensbedingungen reagieren können und den Fortbestand der Art sichern. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der Klimawandel, der die etablierten Arten unter Druck setzt und den langfristig nur gut angepasste oder aber genetisch breit aufgestellte Arten überstehen werden.

In der Natur ist alles mit allem verbunden, und diese Verbindungen sind derartig komplex, dass wir immer nur einen Bruchteil der Zusammenhänge erkennen können. Das Verschwinden einzelner Arten hat immer stattgefunden und wird auch weiterhin immer stattfinden, allerdings läuft das durch den Menschen verursachte Artensterben in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit ab. Die Folgewirkungen können wir keinesfalls überblicken, sicher ist nur, dass irgendwann ein Punkt erreicht ist, an dem ganze Ökosysteme kollabieren. Es gibt hierfür das anschauliche Beispiel des „Wackelturms“ – am Anfang kann man gefahrlos einzelne Steine herausziehen, der Turm steht zunächst stabil, dann zunehmend wacklig, und irgendwann stürzt der Turm vollständig zusammen, obwohl noch mehr als die Hälfte der Steine vorhanden war.

Wir alle sind Teil dieses Wackelturms und profitieren daneben in nahezu allen Aspekten unseres Lebens vom Reichtum der Natur. Die Bestäubungsleistung der Insekten trägt in einem enormen Umfang zu unserer Nahrungsmittelversorgung bei und ist in Geldeswert kaum zu ermessen. Die Reinigungs- und Filterfunktion eines gesunden Bodens ist für unsere Wasserversorgung unverzichtbar, und ohne die Sauerstoffproduktion der Pflanzen auf der Erde wäre unser Leben unmöglich. Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure, Bestandteil vieler Schmerzmittel, stammt aus der Weidenrinde, und in vielen technischen Bereichen kopieren wir die Strategien der Natur (Lotuseffekt, Aerodynamik, Statik).

Wie ist die Lage?

Im Mai 2020 hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine Analyse zum Zustand der biologischen Vielfalt auf dem Land veröffentlicht. Die darin gewählten Formulierungen sind ungewöhnlich deutlich und kritisch formuliert: „Die Situation ist dramatisch, der Handlungsbedarf akut.“ So seien innerhalb der letzten 25 Jahre die Bestände der Feldvogelarten um fast 70% eingebrochen, nahezu 30% der Schmetterlinge im Grünland verschwunden und die Ackerwildkräuter um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

Zeigt den Rückgang der Brutpaare von 1980 bis 2016 als Balkendiagramm
Durch die Zerstörung ihrer Lebensräume sind bestimmte Vogelarten extrem in ihrem Bestand gefährdet. (Daten: Nationaler Vogelschutzbericht 2019, BfN; eigene Grafik)

Zeigt ein Balkendiagramm "Insektenarten weltweit in Gefahr"
Viele Insektenarten weltweit haben abnehmende Bestände zu verzeichnen. So gehen bei sämtlichen Arten von Grashüpfern die Bestände zurück, ebenso bei 60% der Käfer und fast der Hälfte aller Bienen, Wespen und Ameisen. Der Rückgang von Insekten gefährdet die Futtergrundlage vieler anderer Tiere und kann dramatische Kettenreaktionen auslösen.

Die Appelle der Wissenschaftler richten sich zwar vorrangig an die EU-Staaten, so wird z.B. eine radikale Änderung in der Agrarpolitik und bei der Verteilung der Subventionszahlungen gefordert. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch auf anderen Ebenen dringender Handlungsbedarf besteht. Hier kann sowohl die Kommune als auch der einzelne Bürger selber aktiv werden, um beim Artenschutz Verbesserungen zu erreichen.

Was kann der Markt Wernberg-Köblitz tun?

Die Gemeinde als Eigentümer großer Grundstücksflächen kann selbst einen erheblichen Beitrag zur Biodiversität leisten. Bei der Pflege von Flächen können die Mäharbeiten insektenschonend durchgeführt werden, manche Flächen können sogar bis ins Frühjahr stehen bleiben und vielen Insekten Überwinterungsmöglichkeiten bieten. Die straßenbegleitenden Grünstreifen stellen dabei wichtige Korridore zur Vernetzung der Lebensräume dar (Sie erinnern sich an den Frosch von oben). Blühwiesen, Heckenstrukturen, sandige oder feuchte Kleinstlebensräume können gefährdeten Arten Schutz bieten, und auch Totholz ist ein überaus wertvoller Lebensraum für viele Lebewesen, die einen vermodernden Baumstamm mit viel Ausdauer wieder dem natürlichen Kreislauf zuführen.

Daneben gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, die allerdings diesen Rahmen sprengen würden. Wir wollen hier möglichst umfangreich tätig werden und werden Sie über die jeweiligen Maßnahmen natürlich auf dem Laufenden halten.

Und was kann ich selber tun?

Nachdem das Volksbegehren Artenvielfalt in 2019 ein derart durchschlagender Erfolg war, dürfen wir hoffen, dass wir auf viele motivierte Bürger stoßen, die ebenfalls aktiv werden wollen.

 

Im Garten und auf dem Balkon

Was auf den gemeindlichen Grünflächen gut ist, kann im Privatgarten nicht schlecht sein. Ein guter Anfang wäre zum Beispiel, eine wenig genutzte Ecke des Gartens nur noch 1x pro Jahr mähen, am besten im Frühjahr. Wenn Sie das Mahdgut abräumen, magern Sie mit der Zeit den Standort ab, und es siedeln sich von ganz allein und kostenlos die standortangepassten Arten an. Die Ansaat einer Blühwiese ist ein etwas spezielleres Thema, dazu sei hier nur gesagt, dass Sie mit „Baumarktmischungen“ nicht lange Freude haben werden.

Zeigt eine Blumenwiese
Vielleicht finden auch Sie ein Fleckchen im Garten, auf dem sich eine solche Blütenpracht entwickeln darf. Bild: Heidi Schmid

In der Nähe des Komposthaufens können Sie eine weitere „Wilde Ecke“ einrichten. Hier werden sich wegen des nährstoffreichen Bodens wahrscheinlich Brennnesseln ansiedeln, die den Raupen von Schmetterlingsarten wie Admiral, Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs als Futterpflanze dienen.

Bei der Auswahl von Stauden und Gehölzen sind heimische Arten deutlich wertvoller als die meisten weitverbreiteten Zierpflanzen. Das Laub ist keineswegs Abfall, der sofort von den Beeten geräumt werden muss, sondern bildet eine natürliche und kostenlose Mulchschicht. Im Gegensatz zu Rindenmulch versauert diese den Boden nicht und bietet, anders als die vermeintlich pflegeleichten Steingärten, den nützlichen Bodenlebewesen reichlich Nahrung. Auch Häckselgut vom Gehölzschnitt kann hier auf kurzem Weg wieder sinnvoll verwendet werden.

Um kleineren Tieren wie dem Igel den Weg in und durch Ihren Garten zu ermöglichen, sollten Sie im unteren Bereich Ihres Zauns Öffnungen schaffen. Auch diese Tiere schätzen eine ungestörte Ecke, einen Reisighaufen oder ein anderes verstecktes Plätzchen. Ein fachgerecht(!) gebautes „Insektenhotel“ kann für einige Wildbienen eine willkommene Nistmöglichkeit bieten, allerdings nisten die meisten heimischen Wildbienen im Boden und profitieren daher mehr von sandigen, offenen Stellen im Garten.

Weitere Informationen zum „Naturschutzgebiet“ vor Ihrer Haustür, auch zu den Themen Blühwiese und Insektenhotel, finden Sie zum Beispiel hier:
LBV_Ratgeber_Lebensraum Garten
LBV_Ratgeber_Lebensraum Garten_Insektenhotel selbst bauen
NABU_Umwelt und Ressourcen_Ökologisch Leben_Balkon und Garten

Beim Einkaufen

Auch unser Einkaufsverhalten hat einen großen Einfluss auf die Artenvielfalt. Ökologisch angebaute Lebensmittel sorgen für eine geringere Pestizidbelastung der Umwelt und tragen damit zum Artenschutz bei. Bei jeder Kritik an den aktuellen Strukturen in der Landwirtschaft müssen wir uns bewusst sein, dass die Landwirte genau das anbauen, was wir, die Verbraucher kaufen.

Im Volksbegehren Artenvielfalt wurde ein Anteil von 30% ökologischem Landbau gefordert, also sollten wir alle zu mindestens 30% ökologisch produzierte und regionale Lebensmittel einkaufen. Auf dem Wochenmarkt am Donnerstag kann man frisches Obst und Gemüse in Bio-Qualität kaufen, und sämtliche Supermärkte und Discounter in Wernberg-Köblitz führen ein wachsendes Sortiment an Bio-Produkten.

Wer einen besonderen Beitrag zur Artenvielfalt leisten möchte, kann Säfte von Streuobstwiesen einkaufen. Streuobstwiesen sind die „Hotspots“ der Artenvielfalt und bieten bis zu 5.000 Arten ein Zuhause. Beim Kauf von regionalen Produkten wird zusätzlich die heimische, eher kleinteilige Landwirtschaft gefördert.

Daneben gibt es viele kleine Direktvermarktungsprojekte wie in Tännesberg, wo das Rote Höhenvieh eine wichtige Aufgabe in der Landschaftspflege übernimmt und „nebenbei“ regionale und hochwertige Lebensmittel liefert. Mithilfe entsprechender Suchmaschinen findet sich für nahezu jedes Produkt eine regionale Verkaufsstelle.

Mehr zu den Vorteilen des ökologischen Landbaus und Suchmaschinen für Direktvermarkter in unserer Umgebung finden Sie hier:
Umweltbundesamt_Umweltleistungen des Ökolandbaus
Regionales Bayern
Regional ist 1. Wahl_Nordoberpfalz

Im Kopf

Die wichtigste Veränderung muss allerdings in unseren Köpfen stattfinden. Seit Jahrzehnten gilt eine gepflegte, aufgeräumte Natur und Landschaft als erstrebenswert: viele Flächen in Hof und Garten werden gepflastert, der Rasen gedüngt und möglichst häufig gemäht, die Beete abgeräumt bis auf die blanke Erde und dann mit Rindenmulch oder Schotter abgedeckt, Feldraine werden gemulcht, Hecken und Bäume gestutzt und sogar der Wald wird „aufgeräumt“. Wir sollten uns aber bewusst machen, dass unser menschliches Ordnungsbewusstsein in der Natur völlig fehl am Platz ist. Die Natur kennt keine „Unordnung“, sie kennt nur Lebensräume verschiedenster Art. Zu jedem vermeintlichen „Saustall“ gibt es eine Menge Tiere, die genau hierauf angewiesen sind, sei es Totholz, Laub- oder Reisighaufen, verblühte Wiesen oder nasse, schlammige Stellen. Im Gegenzug geht mit jeder „sauberen“ Pflasterfläche und jedem klassischen Rasen wieder ein Stück Lebensraum verloren. Wir sollten also unseren Blickwinkel ändern und uns darin üben, die vielen verschiedenen Lebensräume (an)erkennen und wertschätzen zu können.

Manche Elemente unserer Kulturlandschaft bedürfen natürlich einer gewissen Pflege, so müssen die Wiesen gemäht, Brachflächen entwaldet und Heckenstrukturen gepflegt werden. Auch im privaten Garten wünschen sich die meisten von uns ein paar kurz gehaltene Flächen zum Spielen oder Sitzen, und selbstverständlich muss niemand in seiner Hofeinfahrt das Pflaster herausreißen und Schlammlöcher anlegen.

Es gilt vielmehr, sich Gedanken zu machen über das Verhältnis zwischen den eigenen Ansprüchen und den Bedürfnissen der Lebewesen um uns herum. Denn so viel steht fest, wir Menschen sind auf eine intakte Natur angewiesen – nicht umgekehrt.

Wenn Sie Fragen oder Anregungen für uns haben, schicken Sie uns jederzeit gerne eine Nachricht unter agenda30.beauftragte@wernberg-koeblitz.de