Ein Marktplatz mit Charakter 12.07.2010
Bürgermeister Georg Butz sprach „von einer neuen Epoche, die in Wernberg-Köblitz angebrochen ist“. Er übertrieb nicht. Eingebettet in ein „Fest der Feste“, das an den beiden Tagen weit über 5000 Gäste anzog, wurde die Einweihung des neuen Ortskerns gefeiert. Mit seiner künstlerischen „Zeitreise“ an der Wasserspur ist er in seiner Art einmalig. So ungewöhnlich wie der neue Marktplatz, so ungewöhnlich war die Einweihung am Samstag: Unter Sonnenschirmen, bei 36 Grad. Den Gottesdienst zelebrierten Pfarrer Markus Ertl und Dr. Volker Woppmann im Freien, „werden doch Marktplatz und Straße geweiht“. Und so gabs dazu kühle Getränke, die Kinder planschten im Wasser der „Zeitreise“. Ertl freute sich: „Wir haben es geschafft, Kirche auf den Marktplatz zu holen“. Er solle „zentraler Punkt sein, wo alles zusammenführt und sich alles zusammenfügt“. Bevor Dr. Hans Loelgen auf eine musikalische Zeitreise entführte und die Kindergartenkinder von St. Josef „Der Marktplatz, der soll leben drei Mal hoch“ schmetterten, begrüßte ein strahlender Bürgermeister die Gäste: Politiker, Behördenvertreter, Künstler, Architekten, Sponsoren, Nachbarbürgermeister – auch aus der Partnerstadt Bor (die Freunde aus Kärnten mussten leider absagen) – Ehrenbürger, Gemeinderäte und Vertreter der Baufirmen. „Von vorne gründen“ Butz zitierte Goethe: „Altes Fundament ehrt man, man darf aber das Recht nicht aufgeben, irgendwo mal wieder von vorne zu gründen“. Daran habe sich der Marktrat orientiert. In die Umsetzung waren viele Firmen aus Wernberg-Köblitz und Umgebung eingebunden: „Nur durch harte Arbeit, mit starkem Willen und einem guten Stück Fachwissen ist es gelungen, die Fertigstellung für den heutigen Tag zu erreichen“ verdeutlichte Butz das eng geschnürte Zeitkorsett. Den Hut zog er vor Bernhard Wild von der Baufirma Utz, der auf der Baustelle für Kooperation und Koordination sorgte. Energien und Ideen Butz band in seinen Dank viele ein: Theaterverein, Kulturforum, Komponist Helmut Burkhardt, Initiativen und Einzelpersonen, „die Zeit, Geld Energie und Ideen für diese Festivität beisteuern, die ihre Gebäude renoviert haben“, Gastronomen, die bewirten, Gewerbetreibende die sich präsentieren und das engagierte Team der Verwaltung und des Bauhofs. „Wir feiern nicht irgendein Fest“, betonte Butz, „sondern die Neuinbetriebnahme unseres Marktplatzes und der Ortsdurchfahrt“. Diese Geschichtszeitreise spiegle sich in der Wasserspur, „die Wernberg-Köblitz zu einem unverwechselbaren Ort macht“. Bundestagsabgeordnete und Landratsvertreterin Marianne Schieder war froh, dass die Marktplatzgestaltung – „auch heftig umstritten“ – ein so gutes Ende gefunden hat: „Sie ist schön und einzigartig geworden“, auch dank der Ideen aus der Bevölkerung. Bundestagsabgeordneter Karl Holmeier hob die stattlichen staatlichen Fördergelder hervor, die geflossen seien. Damit ließ er es bewenden, denn „ein Grußwort soll nicht länger sein als ein Minirock, bei diesen Temperaturen“. Gelungener Spagat Nachdem auch Petr Myslivec aus Bor der Partnergemeinde gratuliert hatte, schilderte Architekt Martin Gebhardt den Spagat, die Nürnberger Straße, früher Staatsstraße und Autobahnzubringer, bürgerfreundlich umzugestalten und zugleich Stellplätze zu erhalten, müsse doch im Ortskern auch Leerständen vorgebeugt werden. Heimatpfleger Leo Berberich blieb es – auch namens des verhinderten Architekten Dr. Emil Lehner – vorbehalten, Symbolik und Details der „Zeitreise“ zu erläutern. Der Wunsch des engagierten Mitstreiters: „Das Geschaffene bewahren und in eine erfolgreiche Zukunft aufbrechen.“ Künstler, Sponsoren und Stromkosten Die Einweihungsfeier war auch ein Danke sagen: Dem Bürgerarbeitskreis für seine Ideen, den Anliegern für ihre Geduld und Mitfinanzierung. Die Künstler Engelbert Süß Noch ein Wort zu den Stromkosten: Wenn alle Pumpen gleichzeitig laufen – was nur sehr selten der Fall ist – liegen sie für die Anlage bei einem Euro pro Stunde. „Spectaculum“ als Sahnehäubchen Lachen, Schmunzeln, Ergriffenheit: Was Theaterverein und Komponist Helmut Burkhardt im engen Probenkorsett zur Marktplatzeinweihung auf die Beine stellten, war erste Sahne. Ein „Spectaculum“, das Applaus von über 1200 Zuschauern erntete. Die vier künstlerischen Stationen der „Zeitreise“ bilden die Kulisse für eine schauspielerische Zeitreise und Orffs „Carmina Burana“. Launigen Begrüßungsworten des Gauklers und Moderators folgt ein Paukenschlag: Helmut Burkhardt hat fünf Chöre aus der Marktgemeinde und Sänger der Kreismusikschule Tirschenreuth zu einer homogenen Einheit verschmolzen: Der imaginäre Vorhang hebt sich zum „Fortuna plango“. Im Stakkato wird hingeführt zur Zeitreise, zu Ritter Nothafft, der nach zwölf langen Jahren aus dem Krieg heimkehrt. Seine Gattin erkennt ihn nicht wieder, dafür sein treuer Hund „Harro“. „Harro“ ist übrigens Johannes Geitners Border Collie und heißt im richtigen Hundeleben „Shiva“. Zusammenwachsen Dann setzt der Gaukler zum Zeitensprung an: Zur Gebietsreform, wo es wie in der Familie zugeht: „Es braucht viele Auseinandersetzungen, wenn man zusammenwachsen soll“. Die Jugendlichen vertreten am Speichenrad die Gemeindeteile: Der Stelzengeher beispielsweise den stolzen „Marktler“, das 70er-Jahre-Discogirl die „geldige“ Köblitzerin. Was wäre der „Marktler“, wenn ihm der mit Industrie gesegnete „Sandiger“ nicht die Stelzen bezahlt hätte? Dann düst Rennfahrer Jonas – ein Supereffekt – vorbei und freut sich über die neue Straße nach Neunaigen, das „Eintrittsgeschenk“ bei der Gemeindezusammenlegung. Doch inzwischen spielen alle miteinander. Wie heißt es im gemeinsam gesungenen Gospel: „Miteinander gehn, zueinander stehn, alles Geschaffene als Einheit sehn, Einheit die gibt, Einheit die braucht alle miteinander“. Der Chorgesang wird heiter, pulsierender, wie die neue Zeit, die anbricht. Mit der Flachglas. Der frühere Direktor Paul Schiedt – zigarrerauchend im eleganten Zweireiher – schildert die Entstehung des Werks und der Arbeitersiedlung nach dem Krieg. Locker kommen sie dann daher, die jungen Flachglasmitarbeiter, flapsig, doch beschlagen mit Firmenwissen und stolz auf ihre Arbeit, denn „Marmor, Glas und Eisen bricht, aber unsere Scheiben nicht“. Ergreifendes Solo Ergreifend nun „Dulcissime“, das Solo der Sopranistin Jennifer Horn. Der Chor setzt zum Jubilieren an. Der Kreis schließt sich: Vom ersten Burgherrn Konrad dem Paulsdorfer hin zu Conrad dem Hirschauer. Alt und jung sitzen nun an der Wasserspur, am Conrad-Brunnen. „Ich bin gerne hier, zu jeder Tageszeit“, sinniert der alte Mann. Vom Wasser hat er sich „viel abgeschaut, es findet immer einen Weg“. Bevor der Chor die Glücksgöttin Fortuna das letzte Mal anruft, spricht Bürgermeister Georg Butz dem Publikum aus der Seele, als er allen Akteuren ein dickes Dankeschön sagt. |
| 12.07.2010 Quelle: DNT |
